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Daria's Diary: 4 - Das Schönste kommt oft unverhofft

3. Dezember 2022


Es ist Samstag, kurz nach halb eins. Maximilian ist soeben auf den Parkplatz vor Daria’s Wohnung gefahren, um, wie beinahe jedes Wochenende, seine Töchter abzuholen. Normalerweise wartete er im Auto, dieses Mal läutete er an der Tür.

“Hallo Max”, begrüßte Daria den Vater ihrer Kinder. Dieser kam fast wortlos einen Schritt herein und nahm seine Exfreundin in die Arme.

“Es tut mir so leid für dich”, sagte er dann. Daria begann wieder zu weinen. “Wie geht’s dir? Ich meine, natürlich geht’s dir schlecht, aber, wie geht’s dir? Brauchst du was?”, bot Maximilian seine ehrliche Hilfe an. In dem Moment kam Adrian um’s Eck.

“Hallo Max”, begrüßte er diesen, und reichte ihm die Hand.

“Hallo Adrian”, begrüßte er den Verlobten der Mutter seiner Kinder.

“Magst du kurz herein kommen?”, fragte Daria ihn.

“Ja gerne, danke, aber ich will euch nicht stören. Ich wollte nur kurz rauf kommen, um dir mein Beileid auszusprechen, und dir zu sagen, wenn du etwas brauchst, oder reden möchtest, ich bin für dich da”, teilte Max mit.

“Hallo Papa, hallo Papa”, kamen die Kinder mittlerweile aus ihren Zimmern heraus.

“Na, seid ihr schon fertig? Können wir fahren?”, fragte er seine Töchter.

“Ja, gleich. Wir sind in fünf Minuten fertig, ok?”, sagte Dana.

“Ja klar, dann kann ich noch kurz mit Mama plaudern.” Maximilian drehte sich wieder zu Daria. “Und, wie kommst du klar?”

“Gar nicht. Ich kann nicht schlafen, ich kann kaum essen. Ich sitze über zwei Stunden bei meinem Minischüsserl Haferflocken. Ich mache einen Bissen, und beginne umgehend zu weinen, weil mir Papa einfach so fehlt, und der Schmerz so groß ist. Dann brauche ich ewig, bis ich diesen Bissen runtergewürgt habe. Danach ist mir aber so übel, dass ich ein paar Minuten brauche, bis ich den nächsten Bissen machen kann”, schilderte die junge Frau.

“Das tut mir leid für dich, ich hoffe, du fällst nicht vom Fleisch, aber wie gesagt, wenn du was brauchst, dann melde dich”, wiederholte Max sein Angebot und war etwas in Sorge, dass die Mutter seiner Kinder zu dünn werden könnte.

“Danke, lieb von dir.”

“Kinder, wir fahren”, rief er den Mädels in Richtung Kinderzimmer, stand auf, drückte Daria noch einmal und verabschiedete sich.


Als Max mit den Kindern gegangen war, richtete sich Daria her, um zur Firma ihres Vaters zu gehen. Victor hatte sich vor langer Zeit selbstständig gemacht. Er betrieb sehr erfolgreich eine Autowaschstraße samt Reifenhandel. Daria wusste, dass ihre Mutter schnell überfordert sei mit dieser Arbeit, weshalb sie sie unterstützen wollte. Und Bewegung brauchte die junge Frau ohnehin.

“Wenn du willst, dann begleite ich dich zur Firma”, bot Adrian an, der wirklich alles für seine Verlobte getan hätte.

“Ja, ok, aber ich würde dann gerne alleine mit Mama reden. Vielleicht bringt uns das einander endlich näher”, erklärte sie.


Die beiden zogen sich warm an und spazierten den halben Kilometer zu der Firma von Daria’s Vater. Der klingende Name lautete AVRA. In der ersten Zeile des Firmenlogos standen die Worte Vic’s & Resi’s und darunter mit großen Anfangsbuchstaben Autopflege Am Spitz, wobei nur die beiden A-Letter groß und in Farbe hervorgehoben waren. So ergab sich eben der Schriftzug AVRA, wenn man die Großbuchstaben von links unten, nach oben und nach rechts unten las. Das war ihr großes Baby.


Victor arbeitete lange Jahre für die Coca Cola und war schnell die linke Hand vom Chef. Er war blitzgescheit, konnte wahnsinnig gut englisch sprechen, was damals noch nicht üblich war, was aber auch einer der Gründe war, warum Victor sich so schnell hoch arbeiten konnte, da er dadurch die Auslandskorrespondenz mit Amerika übernahm. Irgendwann wurde diese Zweigstelle aber aufgelassen, und Daria’s Vater erhielt ein ganzes Jahresgehalt Abfertigung. Das war damals noch eine richtige Menge Geld. Und der damals 51-Jährige wollte sich schon immer selbstständig machen, aber so lange er diesen tollen und gut bezahlten Job hatte, gab es dazu keinen Grund. Aber mit dieser Schließung und dem damit verbundenem Geld überlegte Victor, dass dort oben am Spitz eine Autowaschanlage fehlte. Da gab es einen gut gelegenen Pachtgrund, und gleich daneben konnte man auf die Autobahn ab- und zufahren. Und obwohl der Mann noch nie im Leben viel mit Autos geschweige denn mit deren Pflege zu tun hatte, beschloss er, genau dort hin eine Durchzugsanlage für Autos hinzubauen. Und Durchzugsanlagen gab es damals so gut wie noch nicht, also wäre Victor damit sehr fortschrittlich gewesen. Mit seiner Frau gemeinsam überlegte er sich ganz genau, wie was gemacht werden sollte. Resi zeichnete viele Pläne dazu, das war schon immer ihre Leidenschaft. Und Victor kümmerte sich um alles Finanzielle. Er rechnete sich durch, wie viel Geld dieses Vorhaben kosten könnte, beantragte einen Kredit bei einer Bank und rechnete dieser wiederum vor, wie er diesen mit den Einnahmen tilgen könnte. Und während Victor sich überlegte, wie viel eine Wäsche kosten durfte oder sollte, saß Theresa schon wieder an der Gestaltung der Werbetafeln. Et voilà, gesagt, getan, am 31. Dezember 1994 wurde diese Firma in Betrieb genommen und Victor’s und Resi’s Autos erhielten die ersten Wäschen von dieser nigelnagelneuen Durchzugsanlage. Und sie war ein voller Erfolg. Daria’s Vater hatte wie immer den richtigen Riecher. Aus dieser Firma wurde eine richtige kleine Goldgrube. Durch die enormen Erträge konnte Victor alle paar Jahre wieder in die Firma investieren, und erweiterte sie so zu einem kleinen Imperium. Später kamen eine Portalanlage für Hochdachbusse, Staubsaugerplätze und Freiwaschplätze für die ganz Sparsamen dazu. Dieses Projekt war ein voller Erfolg.


“Oh, hallo, ich wusste nicht, dass ihr da sein würdet”, begrüßte Daria ihre Mutter, samt Bruder und Ehefrau, als sie im Büro ihres Vater’s Firma war.

“Hallo Daria, das macht ja nix, komm rein”, sagte ihre Mutter.

“Hallo Schwester”, stand Ben, ihr Bruder, auf, und nahm diese in den Arm. Daria begann umgehend zu weinen.

“Wie geht’s dir damit?”, fragte sie ihren Bruder.

“Pfff. Wie soll’s mir gehen? Happy bin ich nicht gerade”, gab Ben zurück. “Und, wie geht’s dir? Dich wird’s ja sicherlich am härtesten getroffen haben, nehme ich an?”, fragte Ben. Daria heulte wieder los.

“Ich kann überhaupt nicht schlafen, ich kann kaum essen, ich heule nur”, begann sie zu erzählen.

“Du siehst eh schon sehr dünn aus”, bemerkte Ben.

“Keine Sorge, Adrian passt schon auf, dass ich genug esse. Aber vorgestern, da war ich am Vormittag, wie eh fast immer, meinen Zehner laufen. Und die ganze Zeit führte ich einen Dialog mit Papa in meinem Kopf, ‘Was soll ich mit deiner Firma machen?’ und so. Und am Abend ist er dann tatsächlich gestorben. Ich kann das gar nicht glauben”, begann Daria wieder bitterlich zu weinen. Ben tröstete sie noch einmal.

“Resi, wo gehört denn das hin?”, fragte plötzlich Aileen, Ben’s Frau.

“Lass mal sehen. Hm, ich glaube, das brauchen wir nicht mehr”, meinte Theresa.

“Na, was macht ihr da?”, wollte Daria wissen.

“Ach weißt du, Papa hatte schon die längste Zeit solch eine Unordnung hier im Büro, und Ben hat mir angeboten, dass er sich das ganze Technische zu Gemüte führt, ich kenn mich damit ja überhaupt nicht aus, und Aileen und ich sortieren einstweilen die Unterlagen und mustern ein bisschen aus, damit es etwas übersichtlicher wird", erklärte ihre Mutter.

“Ach so. Kann ich euch helfen? Ich wollte eigentlich nur schauen kommen, wie’s dir geht”, schaute Daria zu ihrer Mutter, “aber ich will euch auch nicht stören, wenn ihr lieber unter euch sein wollt."

“Also uns störst du nicht. Wo ist denn Adrian?”, fragte Resi.

“Naja, den habe ich wieder nach Hause geschickt, weil ich dachte, uns würde etwas Zeit zu zweit vielleicht nicht schlecht tun”, erklärte die traurige Frau. “Und, womit kann ich helfen?”, wollte Daria ihre Familie nicht alleine werkeln lassen.

“Also ich schaue, dass ich hier Papa’s Computer ein bisschen strukturiere bzw für Mama alles so herrichte, dass sie die nächste Zeit noch das Geschäft weiterführen kann. Mama und Aileen ackern sich da hinten durch die Ordner”, erklärte der Bruder.

“Naja, dann fange ich am besten hier an”, und deutete auf einen Schrank, der zugedeckt mit Kleinigkeiten war.

“Ja, super. Wir haben hier einen Sack für technischen Müll, da kommt normaler Hausmüll rein, und alles was wir aufheben oder für die Firma noch von Belang ist, sortieren wir hierher”, instruierte Ben seine Schwester.

“Na, das klingt ja nach ‘nem Plan”, sagte Daria, und nahm Stück für Stück von dem Sideboard herunter. Da waren Kristallfiguren, sehr verstaubt, und Glühbirnen, original eingepackt, aber ebenfalls sehr staubig, und…

“Ihr glaubt nie, was Papa sich aufgehoben hat”, versteckte sie kurz diese Kleinigkeit, die sie soeben entdeckt hatte. Die anderen schauten derweil auf und zuckten mit den Achseln. “Glühbirnenschachteln, leere Glühbirnenschachteln”, lachte Daria dann los. Ben und Theresa lachten sofort mit, Aileen hatte, zumindest für Daria’s Gefühl, keinen Humor, zumindest blieb sie stumm und verzog keine Miene. “Warum hebt man sich leere Schachteln von Glühbirnen auf?”, lachte die junge Frau noch einmal los. Aber gleich im nächsten Moment, nämlich als sie an ihren Vater dachte, der nie wieder Glühbirnen kaufen und dessen Verpackungen aufheben würde, begann Daria wieder loszuheulen. Ben sprang aus dem Schreibtischsessel seines Vaters und nahm seine Schwester wieder fest in seine Arme. Nach einem kurzen Moment der Traurigkeit wiederholte er dann die Worte seiner Schwester.

“Leere Glühbirnenschachteln”, und die beiden Geschwister lachten einander an.


Der Nachmittag ging noch lange so weiter. Alle sortierten und musterten aus, man unterhielt sich über unterschiedliche Dinge. Einzig Ben und Aileen hatten dazwischen eine kleine Ungereimtheit. Daria bekam nicht genau mit, worum es dabei ging, aber sie merkte, dass Ben und seine Frau sehr angestrengt, kühl und fast schon ein bisschen abweisend und kalt zueinander waren. Aber keiner sagte etwas dazu. Daria entdeckte noch ein paar witzige Sachen, wie zum Beispiel leere Tixo-Roller, die sie wieder in ihrer Hand versteckte. Nur dieses Mal ließ sie die Anwesenden raten.

“Na, was meint ihr, was hat Papa noch Wertvolles aufgehoben?”

Die Mutter zuckte mit den Achseln. “Eine leere Whiskyflasche?”, gab sie als Tipp ab.

Aileen schaute ihre Schwägerin nur an, und wusste nicht, was sie sagen sollte.

“Vielleicht die Locherschnipseln vom Lochen der Unterlagen?”, meinte dann Ben mit einem Lachen im Gesicht.

“Nein, aber knapp”, öffnete Daria ihre Hände. “Leere Tixorollen. Er hat sich leere Tixorollen aufgehoben”, lachten wieder alle los, oder fast alle. Und wieder bekam Daria das Weinerliche, und wieder sprang ihr Bruder auf und tröstete sie. Daria war so überglücklich, dass ihr Bruder für sie da war und sie einfach so fest hielt. Als sich der Tag zu Ende neigte, holte Adrian sein Weibchen wieder ab und alle verabschiedeten sich voneinander. Daria überlegte noch kurz im Treppenhaus, ob sie Aileen, die gerade von der Toilette kam, zur Seite nehmen sollte, um mit ihr sprechen zu können, immerhin stand da noch einiges zwischen ihnen.


Fortsetzung folgt.


Herzlichst, Ihre Daniela Rath-Müller

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